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Kapitel 4: Das Tagebuch

Lesen Sie das Tagebuch von LARA CROFT

Lima, 19. Dezember 1995

Ich konnte die weiße Bergkuppen vom Flugzeug aus sehen. Sie schienen zum Greifen nahe, wunderschön in ihrer Kälte und Unberührtheit. Ich liebe Peru, und der Gedanke an die bevorstehenden Wochen löste schlagartig diese merkwürdige Erstarrung in mir auf. Was Leben bedeutet, erfährt man nur, wenn man bereit ist, sich aus seinen Träumen zu lösen.

Lost In The Andes

Lima, 20. Dezember 1995

Diese Idioten. Sie werden es nie begreifen, worum es wirklich geht. Formulare über Formulare, ich schrieb das, was ihre kleinen Geister verstehen konnten, die Wirklichkeit, die sie hören wollten. Die Wahrheit ist in mir, eingeschlossen, und ich bin aufgeregt, jetzt, wo ich hier bin, jeder weitere Aufschub verursacht Qualen.

Lost In The Andes

Lima, 21. Dezember 1995

Sie kamen und bestanden auf einem Begleiter. Zu meinem Schutz, aber diese Lüge war ebenso lächerlich wie meine. Sie misstrauen mir, weil sie nicht begreifen. Weil sie nicht einmal die Wahrheit, die ich ihnen anbot, begreifen. Vielleicht ahnen sie, dass es eine andere Wirklichkeit gibt, aber ihnen fehlt die Phantasie, diese zu erkennen.

Lost In The Andes

Vilcabamba, 25. Dezember 1995

Drei Tage im Bus. Pedro erwies sich als nützlich, weil er mich abschirmte. Nach außen wirke ich ruhig, aber innerlich zittere ich vor Erwartung. Morgen früh werden wir Vilcabamba zu Fuß verlassen. Ich stelle mich auf eine Nacht ohne Schlaf ein.

Lost In The Andes

Anden, 26. Dezember 1995

Mein Schweigen irritiert ihn und macht ihn hilflos. Ich sage ihm, dass mich der Marsch in dieser Höhe anstrengt und ich meine Energien einteilen muss. Er glaubt mir nicht. Es ist mir egal. Ich spüre, wie meine Kraft wächst. Gegen Mittag haben wir den Waldgürtel verlassen, um uns jetzt zähes Gras. Es wird empfindlich kalt und ich lege mir die Decke über die Schultern. Am Abend errichten wir unser provisorisches Lager neben einer Felswand. Pedro macht mit dem mitgebrachten Hölzern ein kleines Feuer. Wir kochen uns Kaffee. Ich trinke drei Tassen, es wird für die nächsten Wochen das letzte heiße Getränk sein, das ich zu mir nehme. Er beobachtet mich beim Schreiben. Morgen wird unser Weg von der vereinbarten Route abweichen.

Lost In The Andes

Anden, 27. Dezember 1995

Er weigerte sich, die neue Richtung einzuschlagen. Erst als ich ihm meine feste Entschlossenheit zeigte, allein weiterzugehen, folgte er mir. Ich spüre seine Angst hinter meinem Rücken, die Angst, ohne mich zurückzukehren, aber auch die Angst vor dem, was vor uns liegt. Gegen Mittag haben wir den Schneegürtel erreicht.

Was ist Angst? Ein lächerliches, kindliches Gefühl, das uns abhängig macht. Nicht die Gefahr zerstört Leben, sondern die Angst. Wir müssen die Angst töten, bevor sie uns tötet.

Heute Abend kein Feuer. Es ist kalt, und meine Finger sind beim Schreiben ganz steif.

Lost In The Andes

Anden, 28. Dezember, 1995

Er hat letzte Nacht heimlich meine Aufzeichnungen gelesen. Ich spielte mit dem Gedanken, ihn sofort zu bestrafen, habe es dann aber gelassen und mich schlafend gestellt. Er ist keine Gefahr und wird keine Gelegenheit haben, irgendwem zu berichten. Ich bezweifle auch, dass er die Bedeutung dessen, was er gelesen hat, überhaupt ermessen kann.

Heute Abend wieder kein Feuer. Aber es ist unsere letzte Nacht. Wenn meine Unterlagen stimmen - und ich zweifle nicht daran -, werde ich morgen mein Ziel erreichen. Ich weiß, ich habe eine weitere Nacht ohne Schlaf vor mir. Die Erwartung glüht fiebrig heiß in meinen Adern.

Lost In The Andes

Anden/Katakomben, 29. Dezember, 1995

Das große Tor. Wir haben es gegen Mittag erreicht. Das Problem Pedro haben die Wölfe für mich gelöst.

Das Tor hat sich hinter mir geschlossen. Ich bin jetzt allein auf mich gestellt. Seit dem Mittag endlose Katakomben, einige Irrwege, aber am Abend bin ich in einer Siedlung angekommen. Zeugnis einer seit 500 Jahren vergangenen Zivilisation. Über mir mit dünnem Eis verschlossene Öffnungen, die genügend Licht einlassen. Ich bin froh, meine Lampe noch nicht einsetzen zu müssen.

Ich richte mich in einer Kammer für die Nacht ein. Es ist nicht so kalt wie draussen. Es gibt ein Becken mit klarem Wasser, ich werde morgen probieren, ob es genießbar ist. Ein merkwürdiger Geruch überall, ähnlich wie Schimmel, nur etwas süßer. Vor dem Schlafen werde ich meine Unterlagen über Qualopec noch einmal durchgehen, obwohl ich sie auswendig kenne.

Lost In The Andes

Siedlung in Katakomben, 30. Dezember, 1995

Habe den ganzen Tag nach Hinweisen auf das Grab des Qualopec gesucht. Diese Siedlung ist größer, als ich gedacht habe. Das Wasser im Becken fast geschmacklos, aber offensichtlich genießbar, woüber ich sehr froh bin. Trinkbares Wasser ist immer ein Problem. Seltsame Träume in der letzten Nacht.

Lost In The Andes

Siedlung in Katakomben, 31. Dezember

Wölfe und Fledermäuse. Ich habe eine merkwürdige Platte in einer Wand gefunden, eventuell eine Tür. Es ist mir nicht gelungen, den Mechanismus zum Öffnen zu entschlüsseln. Ich bin mir bewusst, dass die Inkas die Gräber ihrer Häuptlinge mit raffinierten Fallen gesichert haben.

Gegen meine Gewohnheit habe ich mich mittags schlafen gelegt. 2 Stunden unruhiger, traumerfüllter Schlaf.

Es heißt, die Inkas der Hoch-Anden setzten gezielt Pilze mit bewusstsverändernder Wirkung ein, um ihre Gräber zu schützen. Ich glaube das nicht.

Lost In The Andes

Siedlung in Katakomben, 1. Januar

Ich fühle mich frei und stark. Gegen Mittag wieder schlafen gelegt, 3 Stunden unruhiger Schlaf. Zeitverschwendung, ich werde es nicht wieder tun. Das Wasserbecken ist tief, überraschend tun sich unten mehrere Gänge auf. Habe tauchend einige erkundet, soweit die Kälte des Wassers dies ohne Tauchgerät zuließ. Morgen stehen zwei weitere Gänge auf meinem Programm. Die Anstrengung war groß, habe mich vor der Dämmerung schlafen gelegt. Ich fühle mich wohl wie selten zuvor.

Was ist Einsamkeit? Das Fehlen von Illusionen.

Lost In The Andes

Siedlung in Katakomben, 2. Januar

Ich habe in der letzten Nacht von Vater geträumt. Er war groß und lächelte. Er nahm mich in seine starken Hände. Nach einem sehr kleinen Frühstück habe ich den Westsektor erkundet und den Schlüssel zu der Tür entdeckt. Die Suche hatte mich so erschöpft, dass ich mich noch vor dem Mittag hingelegt habe. Wieder unruhiger, traumerfüllter Schlaf. Als ich aufwachte, hatte die Dämmerung bereits eingesetzt. Ich werde die Tür morgen öffnen. Ich fühle mich unglaublich wohl.

Lost In The Andes

Siedlung in Katakomben, 3. Januar

Habe wieder von Vater geträumt. Er war zärtlich und verschwenderisch. Sein Atem spendet unendliche Kraft, seine Arme sind die Wiege des Lebens, seine Augen sind Güte. Ich bin unwürdig.

Lost In The Andes

5. Januar

Ich habe die Tür geöffnet, eine Woge reiner Erkenntnis schlug mir entgegen und erhob mich, ich schwebte, durch zeitlose Räume dem ewigen Ruf entgegen. Das Licht blendet. Glück ist die einzige Wahrheit, sie vereinigt Götter und Sklaven. Ich muss mich vorbereiten, bevor ich ihm gegenübertrete.

Lost In The Andes

8. Januar

Ich habe seine Grabkammer gefunden. Sie war leer, aber das hatte ich erwartet. Ich muss mich vorbereiten. Es ist hell, ich muss die Augen schließen. Er wartet, aber ich bin schwach. Ich muss mich würdig erweisen.

Lost In The Andes

12. Januar, SEINE Grabkammer

Er hat seine Stimme erhoben. Ich habe es gewusst. Er hat mir den Weg zu sich gezeigt, obwohl ich unwürdig bin, habe ich keine Scham gefühlt. Ich folge seinem Ruf, der meine Bestimmung ist. Glück ist ein zu schwaches Wort, um zu beschreiben, was ich fühle.

Lost In The Andes

SEIN Palast, SEIN Refugium, Februar?

Er hat mir die Tür geöffnet. Er hat auf mich gewartet. Mein Herz in seiner Brust, das Lebens in einer immerwährenden Vereinigung.

Lost In The Andes

------, Februar

Ich bin bereit, denn Sterben ist Leben, und Leben ist Sterben, in dieser ewigen Vereinigung mit ihm. Aber ER sagt, ich muss jetzt gehen. ER sagt, sie werden kommen und nach mir suchen. ER sagt, sie werden die Grabkammer finden, und schließlich SEIN Refugium. ER sagt, sie werden uns für immer trennen, und darum muss ich jetzt gehen.

Ich habe aber nicht die nötige Kraft.

Lost In The Andes

In SEINEM Licht, Februar

Ich bin schwach. ER weist mich in seiner unendlichen Weisheit ab, ich muss noch einmal zurück, mich seiner Wärme entreißen und der Kälte stellen. Ein letztes Mal.

Ich habe nicht die Kraft.

Lost In The Andes

--- In SEINEM Licht, irgendwann in der Ewigkeit

Ich bin schwach. ER sagt, er wird warten, denn wir sind unsere Bestimmung für die Ewigkeit. Ich habe die Tür zu seinem Refugium wieder verschlossen. Niemals dürfen sie diese Tür finden.

Die Tür zu seiner Grabkammer lasse ich offen, er hat es so gewollt in seiner grenzenlosen Weisheit.

Lost In The Andes

3. Februar, in der Siedlung

Das kalte Wasser belebt meine Sinne. Ich bin schwach. Ich esse diese merkwürdigen Früchte, sie sind bitter, aber ich lebe.

Schlaf bis zum Abend, ich träume von Vater.

Lost In The Andes

5. Februar, in den Anden

Wölfe schmecken nicht gut, aber sie haben mein Überleben gesichert. Ich habe den Waldgürtel erreicht, was ich nicht mehr geglaubt habe.

Lost In The Andes

10. Februar, Lima

Sie haben mich stundenlang verhört, obwohl sie mich "ihren Gast" nannten. Das Schicksal Pedros hat sie nicht wirklich interessiert. Ich weigere mich, ihnen die genaue Fundstelle zu nennen.

Lost In The Andes

11. Februar, Lima

Auf Intervention des Botschafters haben sie mich gehen lassen. Die Aussicht auf Devisen hat sie überzeugt, sie haben der Zusammenarbeit mit einem britischen Team zugestimmt.

Um 20 Uhr geht mein Flieger. Sobald ich meine Mission zu Hause erledigt habe, werde ich zurückkommen. Meine Bestimmung steht vor ihrer Erfüllung.

Lost In The Andes

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