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Kapitel 2: Das Interview

Lesen Sie von den Begleitumständen eines denkwürdigen Interviews

Mein Name ist Werner Borchert. Heute ist Donnerstag, der 20. Februar 1996. Die folgenden Seiten sind ein exaktes Protokoll der Ereignisse der letzten drei Tage. Ich werde sie einem guten Freund schicken, dem deutschen Anwalt und Notar Klaus Schoenfelder. Er hat strikte Anweisung, den Umschlag erst zu öffnen, wenn er seit mindestens 30 Tagen nichts von mir gehört hat.

Ich schreibe seit vier Jahren für "Archaeology Today". Vor drei Tagen, als ich gerade mit einem Artikel über Opferrituale der Mayas beschäftigt war, wurde ich ins Büro des Chefs gerufen. Ich sicherte meine Dateien, dann stieg ich langsam die Treppe hoch in die dritte Etage. Es ist nicht unbedingt ein gutes Zeichen, wenn Herr Richards einen seiner freien Mitarbeiter zu sehen wünscht.
Er gehört zu den Leuten, die grundsätzlich nicht grüßen, solange man nicht mindestens ein zweites Theben entdeckt hat. Nachdem ich eingetreten war, forderte er mich auf, die Tür zu schließen, dann zeigte er auf eine Zeitung, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Das Titelblatt zeigte das Bild einer Frau in Shorts mit einem Zopf vor einer Inka-Skulptur.

Er klopfte mit dem Finger auf den dazugehörigen Artikel. "Haben Sie das gelesen?"
"Nein, noch nicht", musste ich zugeben.
Er gab mir die Zeitung. "Dann holen Sie das nach. Wir brauchen ein Interview mit dieser Croft!"
Ich hatte natürlich von Lara Croft gehört. Sie war eine reiche Erbin und Abenteurerin, die unter dem Vorwand archäologischer Studien historische Stätten verwüstete. Nach allem, was ich wusste, war ein Interview mit ihr ein hoffnungsloses Unterfangen. Aber Herrn Richards widerspricht man nicht.
Der Artikel erwähnte den Wohnort von Frau Croft. Ich suchte die Nummer raus, dann wählte ich. Ich bezweifelte, dass sie überhaupt zu Hause war.
Nach dem dritten Klingeln meldete sich eine Frauenstimme: "Lara Croft am Apparat!"
Ich räusperte mich, dann stellte ich mich vor und brachte mein Anliegen vor. Zu meiner Überraschung war sie sofort bereit, mich in ihrem Landhaus zu empfangen. Einzige Bedingungen: keine Fotos, keine Tonaufnahmen, keine Fragen zum Privatleben.

Am nächsten Tag nahm ich den ersten Flieger nach London. In meinem Gepäck ein Notizblock und ein paar gespitzte Bleistifte, außerdem eine absolut geräuschlose digitale Mini-Kamera und ein alter Phillips Kassettenrecorder. Es war bereits dunkel, als ich vor ihrem Anwesen eintraf. Nirgends brannte ein Licht, nur die Scheinwerfer des Taxis ermöglichten mir einen kurzen Blick auf die alten Mauern im viktorianischen Stil. Der Komplex war offensichtlich weitaus größer, als ich vermutet hatte.

Ein rostiges Eisentor versperrte mir den Zutritt. Noch bevor ich auf die Klingel drückte, wendete das Taxi und ließ mich allein zurück. Es war beileibe nicht meine erste Erfahrung mit Dunkelheit, aber meine bei weitem unangenehmste. Nach zwei Minuten hörte ich Schritte auf einem Kieselweg, dann tauchte ein Schatten am Tor auf.
"Herr Borchert?"
Ich bejahte, und das Tor wurde geöffnet.
"Folgen Sie mir!"
Sie war viel kleiner, als ich sie mir vorgestellt hatte. Doch obwohl ich nicht viel mehr als ihren Schatten vor mir sah, konnte ich an ihren Bewegungen erkennen, wie durchtrainiert sie war. Der Weg führte durch einen Park. Plötzlich tauchte eine Tür auf. Sie öffnete, und plötzlich stand ich in einem kleinen Arbeitszimmer. Eine einsame kleine Tischlampe beleuchtete einen kleinen runden Tisch, zwei Stühle, einen Schreibtisch und ein Bücherregal. Ich war unsagbar dankbar für das Licht.
Sie lächelte mich an: "Sie haben ja wohl nicht erwartet, dass ich Sie in meine privaten Räume führe, oder?"

Sie war ohne Zweifel die schönste Frau, die ich je gesehen hatte. Obwohl ihr Gesicht in keiner Weise dem klassischen Ideal entsprach, hatte es all die perfekten Proportionen, die einem Mann den Atem verschlagen. Ihre kühle Ausstrahlung tat das Übrige - dabei wirkte sie gleichzeitig merkwürdig ruhelos. Ich war mehr als überrascht, dass sie die gleiche Kleidung trug wie auf dem Bild aus Peru - Body, Lederhose, selbst ihre Pistolen und ihr kleiner Rucksack. Während ich Platz nahm, berührte meine Fingerspitze den Auslöser der Kamera, die in meiner Jackentasche steckte. Ein bisschen fühlte ich mich wie James Bond.

Wir sprachen über ihre letzte Reise, während der sie das Grab des legendären Inka-Königs Qualopec entdeckt hatte. Was sie erzählte, klang schlicht unglaublich - diese Frau hatte, ganz auf sich allein gestellt, Stätten erforscht, die seit Jahrhunderten keine lebende Seele betreten hatte, und dabei unvorstellbare Dinge erlebt. Und trotzdem hatte ich das unbestimmte Gefühl, dass ich nur die halbe Wahrheit serviert bekam.
Sie erzählte mit einer ruhigen, beinahe tonlosen Stimme, die keinen Unterschied machte zwischen dem Öffnen einer Grabkammer und einer Dose Bohnen. Während ich ihr fasziniert zuhörte, wurden mir zwei Dinge klar: Erstens, diese Frau hatte ein äußerst profundes archäologisches Wissen. Zweitens, sie hatte keinerlei echtes Interesse an der Archäologie. Aber wo lagen dann ihre Motive für ihre Reisen?
Ich fragte, ob ich Fotos sehen könnte.
Sie schüttelte den Kopf. "Tut mir Leid, es gibt nur sehr wenige Fotos. Und die werden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, sobald ich sie ausgewertet habe."
Täuschte ich mich, oder waren ihre Augen für den Bruchteil einer Sekunde zum Regal gezuckt? Zwischen den Büchern entdeckte ich eine abgestoßene grüne Kladde.
"Haben Sie sich eigentlich nie einsam gefühlt?"
Sie sah mich scharf an: "Darf ich Sie an unsere Abmachungen erinnern, Herr Borchow? Keine persönlichen Fragen!"
Sie hatte mich tatsächlich "Borschow" genannt! Aber ich hatte nicht vor, so schnell beizugeben.
"Betrachten Sie es als philosophische Frage!"
Sie bedachte mich mit einem spöttischen Lächeln. "Netter Versuch, aber Philosophie war noch nie meine Stärke!"

Können Sie sich noch an die alten Cassetten-Rekorder erinnern? Sie waren Mono, produzierten hin und wieder Bandsalat, und anstelle elektronischer Module hatten sie ein mechanisches Laufwerk. Wenn ein Band zuende war, sprang die Start-Taste mit einem typischen "Schnapp" zurück. So ein "Schnapp" war jetzt zu hören. Ich war so vertieft in die Unterhaltung mit Lara, dass es eine Weile dauerte, bis ich begriff, dass es aus meiner Tasche, die ich auf dem Schreibtisch abgestellt hatte, kam. Lara reagierte schneller. Kaum war das "Schnapp" verklungen, war sie schon aufgesprungen und hatte ihre Pistole gezogen. Sie feuerte zwei Kugeln auf die Tasche ab, und irgendwie erwartete ich, dass eine dritte mich treffen würde. Eine dritte Kugel gab es aber nicht, und jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an dem ich gutes Reaktionsvermögen unter Beweis stellen konnte. Ich sprang auf, stolperte über den Papierkorb und suchte verzweifelt Halt. Dabei stieß ich die Lampe vom Schreibtisch - es klirrte, dann war es dunkel wie in der Hölle.

Es dauerte ca. 10 Sekunden, bis ich einen Lichtschalter hörte und es wieder hell wurde. Sie sah mich voller Wut und Verachtung an.
"RAUS!"
"Ja, ja", stieß ich hervor. "Wenn ich bitte nur eben telefo ..."
"Niemand würde bezweifeln, dass ich einen Einbrecher in Notwehr erschossen habe!"
Sie meinte es zweifellos ernst. In dem Moment wurde mir klar, dass diese Frau, die im Alleingang das Grab des Qualopec gefunden hatte, paranoid war. Ich beschloss, es auf keinen Versuch ankommen zu lassen. Wenig später stand ich auf der Straße, vor mir ein Fußmarsch von 10 Kilometern durch die dunkle Nacht. Aber ich war durchaus nicht unzufrieden - unter meiner Jacke steckte die grüne Kladde. Wie sich herausstellte, war ich im Besitz des Tagebuches der Lara Croft.

Drei Tage später riss mich das Telefon aus meiner Arbeit. Ich schickte unseren Volontär, der mir beim Layout meines Artikels behilflich war, unter einem Vorwand aus dem Zimmer, dann nahm ich ab.
"Gehe ich Recht in der Annahme, dass Sie nicht vorhaben, die Dokumente, die Sie mir gestohlen haben, zu veröffentlichen?", sagte eine vertraute weibliche Stimme.
"In der Tat", erwiderte ich und versuchte, meine Stimme so kühl und fest wie ihre klingen zu lassen. "Dazu sehe ich zur Zeit keinen Anlass".
"Selbstverständlich nicht, Herr Borchow. Und ich weiß auch warum - Sie halten sich für ziemlich intellegent. Aber Sie glauben doch nicht im Ernst, damit davonzukommen, oder?" Ihre Stimme wechselte von kühl und arrogant zu weich und versöhnlich. "Aber ich denke, es müsste sich eine Lösung für Sie finden lassen. Bis jetzt ist schließlich nichts passiert, was man nicht ungeschehen machen könnte. Sie geben mir einfach zurück, was mir gehört, und wir vergessen die Angelegenheit. Ich wäre sogar bereit, Ihne für Ihre Umstände eine kleine, sagen wir Entschädigung zukommen zu lassen."
"Ich wüsste nicht, worin diese Entschädigung bestehen könnte", erwiderte ich mit einer irgendwie heiseren Stimme.
Sie machte eine Pause. Ich war mir bewusst, dass dies nur ein Trick war, aber ich hatte bis dahin nicht geahnt, wie effektiv der sein konnte.
"Wie wäre es denn mit Ihrem Leben?", sagte sie endlich mit einer leisen, aber festen Stimme.
Es wurde plötzlich sehr still im Raum. Aus der Ferne hörte ich eine Art Donnern, und es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass das mein eigener Herzschlag war. Mir fiel keine sinnvolle Antwort ein.

Aber das spielte auch keine Rolle mehr, denn sie hatte sowieso aufgelegt.

Lost In The Andes

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