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Krimis 2000 - 2009

Henning Mankell - Vor dem Frost

Apr-10-2011

München 2009 (Original: "Innan frosten", Stockholm 2002)

Vor dem Frost

Der Umschlag wirbt mit "brennenden Schwänen über einem See" und mit einem "lebendig" verbrannten Kalb; das ist Mankell-typisch grausam und verspricht eine spannende Geschichte mit geheimnisvollen Hintergründen.

Dieses Versprechen löst das Buch zu keinem Zeitpunkt ein. Vor dem Frost ist nur bedingt ein Kurt-Wallander-Roman, denn er führt Wallanders Tochter Linda ein, und den größten Teil der Geschichte erleben wir aus ihrer Sicht. Sie ist Polizeianwärterin, und obwohl ihr Dienst erst in ein paar Tagen beginnt - übrigens ausgerechnet in dem Präsidium, dem ihr Vater vorsteht -, wird sie an den Ermittlungen beteiligt. Und ermittelt prompt auf eigene Faust.

So entwickelt sich eine Geschichte um religiöse Fanatiker, die arg konstruiert wirkt und der es an Glaubwürdigkeit fehlt.

Die erste Hälfte des Buches hat mich gefesselt, aber dann beschlich mich zunehmend das Gefühl, vom Autor an der Nase herumgeführt zu werden. So erlebt man einige Kapitel aus der Sicht der Täter, nimmt an ihren Gedanken und ihrer verqueren Logik teil. Das fesselt zunächst tatsächlich ... aber dann kommt man plötzlich dahinter, dass diese "Tätersicht" zensiert wurde, dass der Autor einige Vorhaben der Täter daraus ausklammert, und das macht wütend. Dirty trick, Mr. Mankell!

Auch die zweite Ebene des Buches, der Konflikt zwischen Vater und Tochter, nutzt sich schnell ab, weil Mankell es nicht versteht, diesen Konflikt glaubwürdig rüberzubringen. Das wird besonders deutlich, wenn Vater und Tochter sich streiten und es zu nicht nachzuvollziehbaren Aggressionausbrüchen kommt.

Übrigens, die Frage, warum die armen Tiere den Feuertod starben, wurde nicht schlüssig beantwortet. Oder habe ich etwas nicht verstanden? Ich glaube eher, die Episode wurde aus reiner Sensationshascherei eingebaut. Ein Verdacht, der einem auch bei etlichen anderen Stellen kommt.

Immerhin ist das Buch in einer angenehmen, flüssigen Sprache erzählt, und das rettet ihm den dritten Stern.

Bewertung

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Jan Costin Wagner - Das Schweigen

Mar-23-2011

München 2009

Das Schweigen

Das kann kein Zufall sein und verheißt nichts Gutes: Ein junges Mädchen verschwindet spurlos, ihr Fahrrad und ihre Tasche werden exakt an der Stelle gefunden, an der vor 33 Jahren schon einmal ein Mädchen verschwand; auch damals waren das Fahrrad und eine Tasche zunächst die einzige Spur, der Leichnam des vergewaltigten Mädchens wurde ein paar Wochen später in einem nahegelegenen See gefunden. Der Fall wurde nie aufgeklärt.

Erfüllt von düsteren Vorahnungen nimmt der finnische Kommissar Kimmo Joentaa die Ermittlungen auf. Besonders schwer fällt ihm der Kontakt mit den Eltern der Vermissten, denn er kann sich nur zu gut in ihre Seelenlage versetzen - hat er doch selbst vor gar nicht langer Zeit einen schweren Verlust erlitten, als seine Frau an Krebs verstarb.

Der Leser begleitet Joentaa bei seinen Ermittlungen, nimmt an seinen Gedanken teil und erhält Einblicke in seine innere Welt. Dazwischen gestreut sind Kapitel, in denen uns der Autor die Welt aus den Augen der Täter zeigt ...

Das Schweigen ist mehr als ein Krimi, es ist auch eine Abhandlung über Schuld, Verdrängung und Sühne. Und über Trauer: In Joentaas Gedankenwelt ist seine verstorbene Frau noch immer so präsent wie am Tage ihres Ablebens, er hält Zwiesprache mit ihr, besucht ihr Grab und gibt sich immer wieder der Phantasie hin, wie es wäre, wenn sie noch lebte. Dabei vollbringt der Autor das Künststück, das keinesfalls als deprimierendes Rührstück rüberzubringen; im Gegenteil, wir erleben die tiefe Trauer eines ganz normalen, gesunden Menschen, und wir ahnen, dass ihn diese Trauer in seinem Leben wohl nie mehr verlassen wird. Und dennoch ist Joentaa durchaus ein lebensbejahender Mensch, zwar mit vielen melancholischen Augenblicken, aber keineswegs ein "Trauerkloß". Das ist bewegend, aber zieht niemals runter.

Fast gerät der Fall darüber ins Hintertreffen. Aber nur fast, denn auch wenn die Täterfrage schon früh beantwortet scheint, so ist es zum einen ungemein spannend, Einblicke in das Seelenleben der Täter zu gewinnen; zum anderen bietet die Auflösung einige völlig unerwartete (und für das Genre absolut untypische) Wendungen.

Jan Costin Wagner, ein deutscher Krimiautor, der die Hälfte des Jahres in Finnland verbringt, hat mit Kommissar Joentaa eine authentische und faszinierende Figur geschaffen und es damit auf Anhieb in die Bestenlisten geschafft. Zu Recht. Das Schweigen ist der zweite von (zu diesem Zeitpunkt) drei Romanen um den finnischen Ermittler, und, wie ich finde, der beste (von drei außergewöhnlich guten).

Natürlich gibt es von mir dafür 5 Sterne!

Bewertung

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Johan Theorin - Nebelsturm

Feb-24-2011

München 2009 (Original: "Nattfåk", Stockholm 2008)

Die Therapeutin

Ein Nebelsturm ist ein gefürchteter Schneesturm, der in Begleitung von Eis und Nebel gelegentlich über die Insel Öland vor der Ostküste Dänemarks hinwegfegt. "Es gilt als lebensgefährlich, sich bei Fåk aus dem Haus zu wagen" (so der Buchtext).

Dieser Krimi gleichen Namens spielt auf zwei Ebenen: Zum einen lesen wir die Briefe einer Mirja Rambe, in denen sie von Mythen und Unglücksfällen auf der Insel Öland aus den letzten 150 Jahren berichtet; dies ist offensichtlich als Warnung gemeint. Auf der anderen, im Heute stattfindenden Ebene, erfahren wir von der Familie Westin, die den alten Hof Åludden auf Öland bezieht. Sehr bald wird die vierköpfige Familie von einem schrecklichen Unglück erschüttert (und dezimiert) ...

Auch wenn es vielleicht zunächst einen anderen Anschein hat, hat dieses Unglück einen sehr realen, nicht-mythischen Hintergrund: Es handelt sich um ein Verbrechen, dessen Wurzeln weit in die Vergangenheit reichen und sich nur nach und nach erschließen. Mehr möchte ich nicht verraten ...

Nebelsturm ist ohne Frage ein Ausnahmekrimi. Ich kannte den Autor nicht, aber habe das Buch, das nur wenig "Action", aber atemlose Spannung serviert, verschlungen. Die Geschichte wird in einer zwar einfachen, unprätentiösen, aber angenehm zu lesenden Sprache erzählt, die Figuren werden lebendig dargestellt und agieren glaubwürdig. Ein reines Lesevergnügen!

Etwas ärgerlich ist der Schluss. Die Auflösung ist zwar absolut logisch und realistisch (und nicht unbedingt vorhersehbar), aber das Finale wirkt reichlich inszeniert und unnötig dramaturgisch aufbereitet. Das hätte das Buch definitiv nicht nötig gehabt, und deshalb gibt es bei mir auch nur 4 Sterne. Das ändert aber nichts daran, dass ich es uneingeschränkt empfehle!

Bewertung

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