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Mord an einem chinesischen Buchmacher

Kleiner Mann ganz groß

schultzeCassavetes hat es niemals jemandem leicht gemacht, weder seinen Zuschauern, noch seinen Schauspielern oder gar seinen Kritikern. Und schon gar nicht sich selbst. Er verabscheute die gängigen Hollywood-Klischees, die ihm verlogen und erstarrt erschienen, und arbeitete verbissen an seiner Vision von Kino. Diese Vision hieß: Realismus. Und so verstieß er auch bei der Umsetzung der Geschichte über den kleinen Nachtclubbesitzers Cosmo Vitelli (Ben Gazzara), der, weil er seine Spielschulden nicht bezahlen kann, von seinen Gläubigern zu dem Mord an einem einflussreichen chinesischen Buchmacher gepresst wird und anschließend feststellen muss, dass seine Auftraggeber nun ihn aus dem Weg räumen wollen, gegen alle gängigen Thiller-Regeln. Es gibt keine Musik (außer der, die im Filmgeschehen selbst zu hören ist), es gibt keine erkennbare Dramaturgie (außer der mechanisch ablaufenden Chronologität), und es gibt keinen klassischen Spannungsaufbau. Die Handlung wird gedehnt, immer wieder greift Cassavetes scheinbar nebensächliche Stränge auf und verliert sich in Details. Als Vitelli zum Beispiel mit dem Taxi zu dem Haus des Buchmachers fährt, der von ihm erschossen werden soll, wird in aller Ausführlichkeit gezeigt, wie er unterwegs an einer Telefonzelle hält, um in seinem Club anzurufen und sich zu erkundigen, ob dort alles seinen geregelten Gang geht und die Show läuft.

chinesischer Buchmacher

Cosmo Vitelli vor seinem Club. Anhand der Kleidung lässt sich unschwer bestimmen, wann die Geschichte spielt

Dabei zeigt Cassavetes ein derart großes Interesse an seiner Hauptfigur, dass man sich fragt, was er eigentlich drehen wollte - einen Thriller oder eine Psychostudie. Vieles spricht für letzteres, und tatsächlich gibt die Hauptfigur auch genug her. Vitelli ist eine äußerst widerborstige und widersprüchliche Figur, und es fällt schwer, ihn zu lieben. Teilweise wirkt er lächerlich, gleichzeitig geht aber eine seltsame Faszination von ihm aus. Vitelli ist gefangen in seiner eigenen Traumwelt. Sein Club läuft schlecht (wie wir gleich am Anfang erfahren), aber er tritt stets "im großen Stil" auf. So lässt er sich in einer Luxuslimousine mit Chauffeur und in Begleitung dreier seiner Stripperinnen zu dem Spielclub fahren, in dem er dann 23.000 Dollar verliert. Um so trauriger wirkt seine Gestalt, als der Glitter abfällt und es sich herausstellt, dass seine angebliche Goldene Kreditkarte in Wirklichkeit lediglich eine Goldene Benzinkarte ist. Seine "Show" - von der wir übrigens immer wieder ausführliche Ausschnitte zu sehen bekommen - ist billigstes Schmierentheater, die aufgeführten Stücke sind ohne echte Pointen und Inhalt. In Vitellis Vorstellung ist es große Kunst. Man hat fast Mitleid mit ihm, erlebt peinliche Momente, die er selbst aber scheinbar überhaupt nicht zur Kenntnis nimmt. Und dann, als man ihn als Spinner und Träumer abgestempelt hat, zeigt er auf einmal echte Größe: Er schafft, was eigentlich niemand (vor allem nicht seine Auftraggeber) erwartet haben. Er dringt in das schwer bewachte Haus des Buchmachers ein, tötet diesen und zwei Leibwächter und kann entkommen. Allerdings nicht, ohne sich dabei eine Kugel einzufangen, und lange Zeit wird nicht klar, wie schwer die Verletzung ist. Einen Arzt sucht er jedenfalls nicht auf, obwohl ihm das von Vertrauten angeraten wird.

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Die auf der Bühne des Crazy Horse West dargebotenen Sketche sind albern und peinlich, besitzen aber dank der Akteurinnen dennoch einen gewissen Unterhaltungswert

Vitelli schafft es auch noch, sich gegen seine Auftraggeber, die ihn nun umbringen wollen, zu behaupten, indem er die auf ihn angesetzten Killer tötet. Das Ende ist offen - der verletzte Vitelli philosophiert in der Umkleide mit seinem Ensemble über den Sinn des Lebens und die Bedeutung der Show, dann steht er vor seinem Club, als er mit der Hand nach seiner Wunde fühlt, ist diese voller Blut. Aus, Ende, der Abspann.

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Vitellis Gläubiger verstehen keinen Spaß

Dass der Film als Studie funktioniert, liegt nicht zuletzt an Ben Gazzara, der eine äußerst sensible und eindringliche Darstellung dieser widersprüchlichen Figur abliefert und ihr eine hohe Glaubwürdigkeit verleiht. Dabei war er zunächst überhaupt nicht mit dem Script einverstanden. Er hatte seinem Freund Cassavetes sehr früh zugesagt, zeigte sich dann aber, nachdem er das Script gelesen hatte, entsetzt. Er hatte Probleme mit der Figur. In wieweit Cassavetes, der seinen Akteuren großes Mitspracherecht einräumt, darauf auf Vorschläge Gazzaras eingegangen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Das Ergebnis ist aber überzeugend, es entstand ein nicht formelhaftes Portrait eines seltsamen Außenseiters, der an seinen Träumen festhält. Genau wie Cassavetes selbst. (Wobei man sich fragen muss: Viteli weigert sich, zu erkennen, dass sein Club keineswegs "großes Theater", sondern bestenfalls drittklassiges Vaudeville ist. der Zuschauer erkennt das aber sofort. Was ist mit Cassavetes, ist sein Kino auch nur in seiner Vorstellung "großes Kino"?)

Mord an einem chinesischen Buchmacher floppte bei Erscheinen bei Kritikern und beim Publikum. Der Film wurde als "unglaubwürdig", die Figur Vitelli als unrealistisch empfunden. Wobei die Frage ist, welche Maßstäbe angelegt wurden: Das aus "Filmen" gewohnte Verhalten, oder das echte Leben. Die Ablehnung bedeutete für Cassavetes jedenfalls ein Desaster, das ihn in finanzielle Bedrängnis brachte. Schon für den Vorgänger, A Woman Under The Influence (1974), hatte er keinen Verleih gefunden und den Film dann, mit Unterstützung von Freunden wie Peter Bogdanovich und Peter Scorsese, selbst in die Kinos gebracht (wo der Film dann unerwartet erfolgreich lief). Auch bei Chinese Bookie musste Cassavetes selbst als Verleiher auftreten, aber diesmal blieb das Wunder aus. Ein kommerzieller Misserfolg, der aber wohl nicht wirklich unerwartet kam. Zu konsequent hatte Cassavetes bei der Umsetzung mit den Konventionen und Regeln Hollywoods gebrochen.

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Nachdem Vitelli die Ausführung des Mordes unerwartet überlebt hat, ist er für seine Auftraggeber ein lästiger Zeuge

Heute ist der Film natürlich längst rehabilitiert und gilt als einer der wichtigsten im Gesamtwerk von Cassavetes. Zu Recht. Man muss auch keineswegs ein "Kenner" oder "Cineast" sein, um ihn zu genießen. Es reicht, etwas Offenheit und Neugier mitzubringen, sich auf das Geschehen einzulassen, und man erlebt faszinierendes und spannendes Kino jenseits von Hollywood.

Ich hatte den Film zum ersten Mal irgendwann in den Achtzigern im TV gesehen und war scheinbar nur mäßig begeistert. Seltsamerweise ging er mir aber nicht mehr aus dem Kopf, und jahrelang stiegen immer wieder Bilder in mir hoch. Nur leider hatte ich nach kurzer Zeit den Titel vergessen. Jetzt fand ich ihn zufällig bei Saturn. Er war nicht ganz billig, aber ich habe trotzdem spontan zugegriffen und ihn, als ich zu Hause war, ungeduldig sofort angesehen. Ohne Frage ein Kauf, der sich gelohnt hat, und ich kann den Film jedem empfehlen, der an Interesse an echtem, unverstelltem Kino hat. (Rainer Bublitz 3/2007)

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Ob Vitelli überlebt, verrät der Film nicht. Wir drücken ihm aber die Daumen

USA 1976, re-release 1978

Originaltitel: The Killing Of A Chinese Bookie

Regie: John Cassavetes

Darsteller: Ben Gazzara, Timothey Carey, Seymour Cassel, Robert Phillips, Morgan Woodward, John Kullers, Azizi Johari, Virginia Carrington, Meade Roberts, Alice Fredlund, Donna Gordon, Haji, Carol Warren

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