Start Impressum Sitemap     Rainer Bublitz     News    
Rainer Bublitz

Navigation
News 2012 News 2011 News 2010 News 2009 News 2008 Cinema Cinema 1920 - 1939 Cinema 1940 - 1949 Cinema 1950 - 1959 Cinema 1960 - 1969 Cinema 1970 - 1979 Cinema 1980 - 1989 Cinema 1990 - 1999 Cinema 2000 - 2009 Cinema 2010 - 2019 Bücher Krimis 2000 - 2009 Krimis 2010 - 2019 Pandora im Kongo Im Rausch der Stille Meine Schwester ist ein Engel Comics Carl Barks Hansrudi Wäscher Games Ico Tomb Raider Featuring Lara Croft Baphomets Fluch 1 & 2 The Ages of Myst Die Tomb-Raider-Serie Audio Audio 1920 - 1939 Audio 1940 - 1949 Audio 1950 - 1959 Audio 1960 - 1969 Audio 1970 - 1979 Audio 1980 - 1989 Audio 1990 - 1999 Audio 2000 - 2009 Audio 2010 - 2019 TV-Kult Kommissarin Lund I - Das Verbrechen Mit Schirm, Charme & Melone Raumpatrouille Orion Fotos Ritterhude Street Chicago Wilhelmshaven Kochen Erbsensuppe mit Champignons Kartoffelsuppe Sparta Schwäbische Spätzle Pute Indisch mit Linsen und Banane Paprika Chinesisch mit Geflügelfleisch Spinat und Schafskäse in Blätterteigbett Hasenpfeffer auf schwäbische Art Home Frau Katze I Frau Katze II Mein Freund Kalle CandyHouse Under Spanish Arcades CandyHouse Vintage CandyHouse 2000 Garageband Links

Extern
b-sites Lost In The Andes Das Lakritzlabor
random

Klick mich!

made_on_a_mac

Valid HTML 4.01 Strict
Valid CSS!

Hansrudi Wäscher

Jenseits der toten Sümpfe

Der unerforschteste Flecken dieser Erde ist zweifellos "Das Land jenseits der toten Sümpfe" (genau genommen ist es sogar völlig unerforscht, denn die Paläonthologen, Botaniker und Kartographen hatten bis heute keinen Zugriff darauf ... glücklicherweise, muss man sagen). Dort ist die Evolution einige Male ins Stocken gekommen, und darum gibt es dort die Flora und Fauna verschiedener Erdzeitalter in mehr oder weniger friedlicher Koexistenz. Man trifft sowohl auf Dinos und anderes Urgetier, als auch auf Menschen. Die genaue geographische Lage dieses El Dorado für Kreationisten ist mir leider unbekannt, denn die einzigen Menschen, die sie kennen, behalten ihr Geheimnis für sich, um dieses kostbare prähistorische Biotop vor der Zerstörung zu schützen. Sicher ist nur, dass es sich irgendwo im zentralafrikanischen Dschungel befindet.





Abbildung auf Wunsch
der neuen Rechteinhaber
entfernt (mehr ...)

Die Piccolos waren 32 Seiten stark und so spannend, dass ich süchtig nach ihnen war. Innen waren sie schwarzweiß, aber lockten stets mit meinem farbenfrohem Titelbild

Dass ich überhaupt von diesem seltsamen Flecken weiß, liegt an den Piccolo-Heften, die in den Sechzigern wöchentlich aus diesem höchst interessanten Land berichteten. Held in den Piccolos war Tibor - Sohn des Dschungels (wobei der Titel etwas irreführend ist, denn Tibor war in Wahrheit ein Kind der weißen Oberschicht). Als junger Mann war dieser Tibor mit einem Flugzeug über dem afrikanischen Dschungel abgestürzt. Um zu überleben, hatte er sich mit den Gesetzen des Dschungels auseinandersetzen müssen, und dabei so viel Gefallen an ihnen gefunden, dass er beschloss, dort zu bleiben. Er lernte die Sprache der Tiere, schwang sich, nach einigen heftigen Revierkämpfen, zum allgemein akzeptierten "Herrn des Dschungels" auf, und bekämpfte fortan das Unrecht (und man glaubt ja gar nicht, wie viel davon es sogar im Dschungel gibt ...). Seine treuen Freunde, die ihm bei dieser Sysyphus-Arbeit halfen, waren der Gorilla Kerak und die Äffchen Pip und Pop.





Abbildung auf Wunsch
der neuen Rechteinhaber
entfernt (mehr ...)

Einige der Völker im "Land Jenseits der toten Sümpfe" waren durchaus zivilisiert. Leider hatte mit der Kultur auch das Böse Einzug gehalten

Zu verdanken haben wir die Berichte dem Schweizer Multitalent Hansrudi Wäscher. Von ihm stammen die Geschichten. Von 1959 bis 1963 sind so insgesamt 187 Tibor-Piccolos entstanden. Und Tibor war nicht der einzige von Wäscher erfundene und gezeichnete Charakter: Bereits 1953 war das erste Piccolo-Heft Sigurd der ritterliche Held erschienen. Die Reihe war ungeheuer erfolgreich, wurde aber trotzdem 1960 mit Heft 324 eingestellt. Es folgten Jörg (1954, 20 Hefte), Gert (1955, 24 Hefte), Akim (1956 - 1959, 196 Hefte), Tibor (1959 - 1963, 187 Hefte), Falk (1960 - 1963, 164 Hefte), Bob & Ben (1963, 9 Hefte) und Roy Stark (1967, 18 Hefte). Die meisten dieser Hefte wurden in den Sechzigern in den Piccolo-Großbände, die jeweils zwei Piccolos und ein neues Titelbild von Wäscher enthielten, wiederveröffentlicht. Zudem zeichnete Wäscher eine Reihe von Sonderheften seiner Helden. In den späten Sechzigern erschienen neue Geschichten erstmals sofort in Großbänden.

Um das Interesse der Leser zu erhalten, musste jedes Piccolo mit einem Cliffhänger enden. Meistens landete der Held zum Schluss in einer scheinbar aussichtslosen Situation. Er wurde von einem übermächtigen Gegner attackiert, stürzte von einem hohen Felsen, oder lief in eine Falle (von der nur der Leser wusste). Die Auflösung war regelmäßig banal (und für den Leser befriedigend, denn der Held überlebte natürlich) und für den erwachsenen Leser vorhersehbar - und trotzdem funktionierte das Prinzip. In den Fünfzigern wurden von einigen Heften bis zu einer Million Exemplare verkauft.





Abbildung auf Wunsch
der neuen Rechteinhaber
entfernt (mehr ...)

Auch Sigurd bekämpfte das Unrecht, wo er es traf

Die Helden selbst waren ziemlich eindimensional. Sie waren gut, tapfer, furchtlos und kannten keine Zweifel. Meistens mussten sie gegen tyrannische Regenten kämpfen, wobei ihnen aber ihre Tugendhaftigkeit nicht im Weg stand, sondern der Garant des Erfolges war. Wäscher kann man daraus keinen Vorwurf machen, denn so sind Helden nun einmal, und die Leser wollten es auch gar nicht anders, nachdem sie in Deutschland gerade den Sturz des Nazi-Regimes erlebt hatten. Mit dem sich wahrscheinlich eine nicht geringe Anzahl von ihnen identifiziert hatte und nun mit Schuld- und Schamgefühlen leben musste (wie wir wissen, spielte Verdrängung dabei eine große Rolle). Wäschers Helden jedenfalls waren das genaue Gegenteil von faschistoid, sie waren eindeutig Freiheitskämpfer, die den Unterdrückten zu Hilfe kamen. Dabei wiesen sie teilweise verblüffend vorausahnende und moderne Züge auf - dass Tibor seine Kraft einsetzt, um das "Land jenseits der toten Sümpfe" vor der Entdeckung und Ausbeutung zu schützen, zeigt eine Einstellung, die 1960, in Zeiten des Aufschwungs und des Aufblühens der Raumfahrt, keineswegs weitverbreitet war. Bei so viel Political Correctness sieht man gerne über Eindimensionalität hinweg.

Wie viel Wäscher in den Helden steckt, kann ich nicht sagen, denn viel ist über Wäscher nicht bekannt. 1928 in der deutschsprachigen Schweiz geboren (St. Gallen), zogen seine Eltern 1940 mit ihm nach Hannover. Wäscher machte seine Mittlere Reife, absolvierte eine Lehre als Plakatmaler und studierte Gebrauchsgraphik, bis er 1953 seine Arbeit für den in Hannover ansässigen Lehning Verlag aufnahm.

Wäschers zeichnerisches Talent ist umstritten. Seine Figuren sind stereotyp, stimmen in den Dimensionen nicht und weisen Fehler in der Perspektive auf. Ganz anders die Hintergründe. Wäschers Dschungel ist ebenso glaubwürdig wie seine Burgen oder seine futuristischen Landschaften auf fremden Planeten (wie in Nick). Hier stimmen die Perspektiven, alles wirkt plastisch und dreidimensional, und durch den geschickten Einsatz von Schatten wird eine realistisch wirkende Illusion von Licht erzeugt. Die Welten haben Ausstrahlung und regen die Phantasie an.





Abbildung auf Wunsch
der neuen Rechteinhaber
entfernt (mehr ...)

Im Gegensatz zu Tibor und Sigurd wiesen Falks Abenteuer keine phan-tastischen Elemente auf. Spannend waren sie trotzdem

Man darf dabei nicht vergessen, unter welchem enormen Zeitdruck Wäscher gestanden hat. Woche für Woche 32 Seiten (zeitweise noch mehr) zu liefern - wobei auch die Geschichten, die Hintergründe und sogar das Handlettering von ihm stammen -, ist eine gewaltige Aufgabe.

In der zweiten Hälfte der Sechziger sank das Interesse der Leser an Schwarzweiß-Heften auf billigem Papier. Bunte Superhelden aus Amerika liefen Tibor und Co. den Rang ab. 1968 schloss der Lehning Verlag, Wäscher verschwand in der Versenkung (wenn jemand weiß, was er machte, möge er mir dies bitte mitteilen). Die Hefte verrotteten auf Dachböden und in Kellern oder wurden einfach auf dem Müll entsorgt. Das war vorschnell und leichtsinnig, denn Anfang der Achtziger stieg das Interesse auf einmal wieder. Die ehemaligen Leser hatten ihre Ausbildung abgeschlossen, Familien gegründet und erinnerten sich plötzlich an die Helden ihrer Jugend. Und sie hatten nun das Geld, sie sich wiederzubeschaffen. Es entbrannte eine mörderische Jagd auf die noch existierenden Originale, die auf Flohmärkten und Tauschbörsen plötzlich astronomische Preise erzielten. Der Hethke Verlag entdeckte die Marktlücke, sicherte sich die Rechte und bringt seit über 25 Jahren originalgetreue Neuausgaben der alten Hefte heraus. Leider auch nicht ganz billig, aber immer noch erschwinglicher als die Originale.

Ich selbst habe mir auch ca. 400 Piccolos in der Neuauflage besorgt (nahezu alle Tibor, der Rest Sigurd und Falk). Der offizielle Verkaufspreis der Nachdrucke - von denen immer vier Stück im Paket erschienen - lag bei DM 3,60 pro Heft. Wer sich, wie ich, die Mühe machte, auf Märkten oder Comic-Börsen nach Einzelexemplaren zu suchen, konnte sie für ca. DM 2,-- pro Heft ergattern. Immer noch eine gute Investition, denn inzwischen sind selbst diese Nachdrucke begehrte Sammelobjekte. (Rainer Bublitz 12/2005)

(Alle Bilder sind eigene Scans aus Piccolo-Nachdrucken. Mit freundlicher Genehmigung des Norbert Hethke Verlages)

© 2005 - 2012 rainerbublitz